Der Fluss

Biografie eines Gewässers

GEDICHTE

Leander Linnhoff

12/19/20251 min read

Der Fluss

Aus einer kleinen, zarten Quelle

beginnt er spielerisch seinen Lauf,

schlängelt sich durch sanfte Wiesen

und saftige Auen. Durch erste Dunkelheiten

im Schatten der Wälder erreicht er

Dörfchen mit gebückten Häusern, in denen

einfache, schlichte Menschen ihrem

einfachen, schlichten Leben nachgehen.

Sein Lauf wird breiter. Die Boote, die ihn befahren,

werden zu Schiffen, die Wege am Ufer zu Straßen.

Sanfte Uferböschungen werden zu betonierten Bollwerken.

Dann erreicht er die großen grauen Städte aus Glas.

Er trägt die Wunden, die Einkaufswagen, Fahrräder und Scooter,

die Menschen in seine tiefe Seele werfen, mit stiller Trauer.

Sein schweigendes Rauschen wird von Party-Schiffen zerstört.

Feste Dämme führen ihn, verhindern sein Ausbrechen, seinen wahren Weg.

Manchmal erlaubt er sich, über die Ufer zu treten, doch umsonst.

Sie sind vorbereitet, fürchten ihn nicht mehr, und so folgt er, wird brav.

Beladen mit Dreck, Chemie und Güterverkehr

sehnt er sich nur noch

nach der Weite

des Meeres

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