Das Loch im Sand
Erwachsenwerden
GEDICHTE
Leander Linnhoff
2/19/20261 min read


Das Loch im Sand
Der Junge grub schon seit Stunden
im eiskalten Sand, den kleinen Spaten
in der trotzigen Hand.
Er biss sich auf die Lippen, spürte,
wie die Zähne
sich gegen das weiche Fleisch drückten.
Als er anfing, schien die Sonne.
Der Wind strich sanft und kühl
über den Ebbestrand.
Leicht glitt die Schaufel in den Boden,
trug die weiße, feine Schicht ab.
Darunter dunklerer Sand,
schwerer,
feucht.
Mit fliegender Schaufel
warf er das Material heraus,
spürte die Kraft,
die Last.
Dies war sein Loch.
Stolz und ein Gefühl von Stärke
machten sich in ihm breit.
Er grub tiefer.
Jetzt bildeten sich am Boden des Loches
kleine Tümpel, die sich schnell mit Wasser füllten
und die Wände des Loches
in Rutschen brachten.
Schnell schaufelte er gegen den rutschenden Sand an.
Sein Loch.
Seine Verantwortung.
Das Meer begann zu grollen.
Die Gezeitenwende kündigte sich
im bedrohlichen Rauschen an.
Immer schneller füllte sich das Loch mit Wasser.
Die Priele begannen sich zu füllen.
Er bemerkte, dass es dunkler wurde.
Kälter.
Er schaufelte weiter, ein einsamer Schatten
gegen die Weite des Horizonts.
Sein Loch.
Seine Verantwortung.
Das Wasser umschloss ihn jetzt.
Knöchelhoch.
Eiskalt.
Mit trockenen Füßen war nicht mehr zu rechnen.
Er schaufelte.
Sein Loch.
Seine Verantwortung.
Als seine Mutter ihn schließlich
vor der herannahenden Flut warnte,
ihn zum Aufgeben zwang,
wischte er sich die Nase
an der klammen Jacke ab.
Tränen liefen über seine Wangen.
Augenblicke später
verschlang die Flut
sein Loch.
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