Die Glocken von Sint Pieter
Eine Betrachtung aus Oostende
SEEGLAS
Leander Linnhoff
2/8/20261 min read


Die Glocken von Sint Pieter
Weit über den Ebbestrand schallt ihr Ruf:
„Zur Kirche, Leute, zur Kirche!“
Die Schritte des alten Mannes gefrieren.
Für einen Augenblick sind sie wieder da,
die Bilder vergangener Zeiten.
Er weiß nicht mehr, welche seine eigenen sind -
welche er aus Erzählungen und Fotografien erwarb.
Aus allen Gegenden kommen sie
von den Schiffen, mit Booten, zu Fuß durch die Stadt.
Ihre Kleidung aus dunklem Tuch,
durchbrochen vom Weiß der Hauben und Hemden,
Ihre großen Hüte, lassen sie wie Seevögel wirken,
deren Schwarm lebendige Beute erspähte.
„Zur Kirche, Leute, zur Kirche!“
Und sie lassen sich segnen,
die Netze, den Fang;
die Herzen voll Dank für die Heimkehr.
Die Kirche gibt ihnen den Takt im Lebensgang.
Geburt, Ausfahrt, Ertrag, Heimkehr, Tod.
Dann brennt die Kirche, die Flamen lohen
und die Glocken singen ihren furchtsamen Ruf:
„Zur Kirche, Leute zur Kirche!“
Sint Peter brennt, so sehr sie auch kämpfen.
Und alle sehen es, können nichts tun.
„Zur Kirche, Leute, zur Kirche!“
Man sagt, der König wisse mehr
über den Brand.
Die Fischer erzählen noch heute davon.
Und aus der Asche entsteht das Neue.
Eine Kathedrale, so strahlend und groß!
Mit der Küstenbahn kommen die neuen Scharen,
um das Wunder am Meer zu erblicken.
Die Kirche erblüht und neue Glocken rufen:
„Zur Kirche, Leute, zur Kirche!“
Und die Stadt träumt von Größe und ewigem Ruhm.
Doch Ewigkeit ist kurz.
Der alte Mann wendet den Schritt zur Stadt.
„Zur Kirche, Leute, zur Kirche!“
Sein Gang ist nicht schnell, sein Lächeln ist matt.
Er weiß, er wird fast allein dort sein.
Sie brauchen den Klang der Glocken nicht mehr.
Am Besten wäre, er käm gar nicht mehr her.
Und doch hofft er, zu seinem letzten Gang
Ertönt noch einmal ihm der vertraute Klang.
„Zur Kirche, Leute, zur Kirche!“
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