Windrose vom 11. 04. 26
Ein anderes Meer. Eine andere Temperatur.
WINDROSE
@juli_norden, @liebelle_zart, @nicht.alltäglich, Henriette Paul, @gabra4711, @PetraKreme, @lustaufworte
4/11/20264 min read


"Ein anderes Meer. Andere Temperatur."
Diese Zeilen aus Meerschaum bildeten diesmal die Herausforderung, die der Wind der Windrose herangetragen hat. Ich war überwältigt, welche Resonanz diese wenigen Worte hervorrufen konnten. Sehr schnell nach dem Beginn des Impulses spülten schon die ersten Flaschenposten in meinen Heimathafen, und es wurden immer mehr. Die Beiträge waren so reich, so vielfältig, dass sie selbst funkelten wie buntes Glas im Meer. Hier sind sie:
Die Einsendungen
Kerstin Burkart, deren Posts mich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit erfreuen, hat meine durchaus von mir existenziell verstandenen Worte in einer wundervollen Prosa-Miniatur in den Alltag getragen. Ihr Text spricht von der magischen Verwandlung des Alltäglichen:
Es war ein ganz normaler Dienstagmorgen. Der Kaffee zu stark, meine To-do-Liste viel zu lang und irgendwo zwischen Wäschebergen und Aufgaben hatte ich mich wieder selbst verloren. Ich stand an der Bushaltestelle, der Wind zog durch meine Jacke und neben mir telefonierte jemand laut über belanglose Dinge. Ich ergatterte einen Platz im Bus und vor mir saßen eine Mutter und ihr Kind. Das Kind drückte während der Fahrt die Stirn ans Fenster und sagte leise zu seiner Mutter: „Guck mal, da hinten... das sieht aus wie im Urlaub.“
Ich folgte seinem Blick und sah graue Felder, nichts Besonderes. Plötzlich war da dieser Gedanke, der sich in mir festsetzte: Vielleicht ist es gar nicht ein bestimmter Ort, der fehlt, sondern das Gefühl. Vielleicht brauche ich kein anderes Leben, keinen anderen Weg, nur manchmal ein anderes Meer. Andere Temperatur. Als ich ausstieg, war der Tag noch derselbe. Aber irgendwas in mir war ein bisschen weiter und heller geworden.
Auch nicht.alltäglich hat sich an dem Impuls beteiligt. Seine Lyrik zeigt einen philosophischen Blick auf das Leben als Wechselspiel.
das auf und ab
ein ständiger wechsel
begleitet uns
sich immer und
immer wieder
auf neues
einstellen
flexibel
offen
neugierig bleiben
das macht das leben aus
und bereichert
Die liebe Ancha, die als liebelle_zart immer wieder die Windrose bereichert, ist mit ihrem Haiku in einer sehr offenen Deutung des Meeres als Raum der Beziehung und der Resonanz. Darin steht ein Geist, der auch meine Lyrik berührt.
kühle Wellen noch
doch bei dir wird selbst die Kälte
langsam zu mir
Juli_Norden trägt in ihrem Gedicht einen zarten Hauch von Wehmut. Es ist ein Text über Liebe, Beziehung und Ferne. Darin liegt die Spannung einer Liebe, die träumen, aber nicht berühren kann, und doch wahr und echt bleibt.
ein anderes Meer
andere Temperatur
und doch bist du bei mir
wohnst in meinem Herzen
siehst und hörst mich
ich atme
deine Wärme
deine Berührung
deine Stimme
deine Liebe
an einem anderen Meer
anderer Temperatur
und doch bleibst du mir
wahrhaftig
Henriette Paul (henriette.paul.autorin) begegnet dem Meer rauer und körperlicher. In der Kraft ihrer Worte schmeckt man das Seesalz und spürt die Ehrlichkeit von Winden und Wellen. Schonungslos schön.
vor der Tür liegt
ein anderes Meer
trägt den Sand der Vergebung
hinter den rauschenden Zähnen
spült zwischen Ebbe und Flut
die körnigen Perlen ans Ufer
am Strand die Muster
engelsflügelgleich
Gabra4711 zeichnet mit ihren verträumten Wortbildern einen ganzen Film vor das geistige Auge. Es ist ein Stück Meereskunst, das durch Farben und Stimmungen wirkt. Ein Streifen, den ich sofort vor meinem Inneren sehen konnte.
Kino am Meer
Ein anderes Meer.
Andere Temperatur.
Aber der Himmel bietet mir auch hier einen seiner schönsten Wolkenkinoplätze.
Zuckerwatteflausch, wie aufgepinselt auf blitzigem Blau, zieht gemächlich über die Leinwand hinweg.
Und ganz viel später, ganz weit hinten – oder ist es ganz weit vorne? – taucht die Orangensonne ein und unter, im jetzt anders temperierten Meer. Lässt sich wellenumschmeichelt in den Schlaf wiegen. Und knipst das Licht aus. Für heute.
– The Happy End –
PetraKreme hat mich mit einem besonderen Kunstgriff begeistert. Sie hat in ihrem Text die Schreibimpulse von nicht.alltäglich und mir vereint und so einen Begegnungsraum geschaffen über mehrere Ebenen hinweg. Die Windrose war immer als Raum der Begegnung und des Austauschs gedacht. Aber das, was Petra hier tat, ist atemberaubend.
Wir leben alle unter einem Himmel...
So einfach kann es sein...
Und sei es auch ein anderes Meer, andere Temperatur,
Brazil...
Sehnsuchtsland...
Auch dein Wasser reicht uns seine Hand...
Die kalte Ostsee, rau
Der Golfstrom in der Nordsee, lau
Letztlich mit dir,
atlantisches Brazil,
verbunden...
Wo ihr neue Heimat habt gefunden...
Wieviel mehr noch der grenzenlose Himmel...
Ach wär das schön,
wir könnten uns alle als dieselben sehn...
Zusammenhalten,
Regenbogenbrücken schaffen...
Ultrareiche gäbe es nicht mehr,
die nur für sich selber raffen...
Wir leben alle unter einem Himmel...
Niemand ausgegrenzt,
zurückgelassen,
klein...
Mein Kinderherz sagt immer noch:
Es könnte doch so einfach sein...
lustaufworte hat mich auf eine besondere Reise mitgenommen. Ins eiskalte und so dringend schützenswerte Nordmeer. Ich gestehe, eine Fahrt mit dem Eisbrecher nach Grönland war mein Kindheitstraum. Hier wird er wahr.
Ein anderes Meer
Andere Temperatur
Wie ein weißer Tempel
aus eisigen Riesen,
wo nur Kälte wächst
aus den zitternden Brisen.
Es scheint leblos belebt,
ein ganz anderes Meer.
Nicht für Badegäste,
weder Cocktails am Strand,
nicht für Sommerfeste
oder Burgen aus Sand,
nichts für Leute,
die keine Kälte vertragen,
nicht für jene,
die sich über Leere beklagen.
Nur die endlose Weite.
Spür die einsamen Kräfte
der reißenden Wellen,
die am Abgrund des
ewigen Eises
zerschellen.
im_woerterwald zaubert in einem Spiel aus Sprachrhythmus und Bewegung ein Kleinod. Es ist fast ein Tanz, der klar darstellt, dass uns etwas verbindet, egal, von welchem Meer wir kommen. Ein Text für unsere Zeit.
Salzband
Zwischen Wesen wiegen Wogen.
Ein Ozean mit getrennten Ufern.
Andere Tiefe.
Andere Temperatur.
Ein anderes Meer.
Gleiches Salz.
Ich bin und war von dieser Windrose verzaubert. Mein Meer ist bereichert durch all die Strömungen, die ich in diesem Durchgang empfangen habe. Danke!
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