Windrose vom 23. Mai 2026

Ich lebe. Ich weiche nicht.

WINDROSE

Martin Gliebe, Petra Kremer, Kerstin Kühl, Art of Duse, @bewusst_so_sein, @zwischen_den_Zeilen_es,, @woerter_garten, @im.woerterwald, @nichts_ernstes, @juli_norden, @henriette.paul.autorin, @rebecca.literatur, @kerstin.schreibt.2020

5/23/20266 min read

"Ich lebe. Ich weiche nicht."

Das waren die Worte, die diesmal vom Wind an die Autoren, Dichter und Künstler der Seeglas-Gemeinschaft getragen wurden. Zwei Zeilen, ein Manifest für Standhaftigkeit und Widerstandsfähigkeit. Und der Wind trug Stimmen zurück. Wunderbare, kraftvolle und zarte Stimmen. Hier sind sie:

Die Einsendungen:

Martin Gliebe nahm die Bewegung auf und verfasste in kurzen, starken Worten ein Gedicht über Widerstand in den widrigsten Umständen. Ganz im Natur-Bildraum des Seeglas-Kosmos.

Wenn kräftig die Winde wehen,
die Wellen tosend höher schlagen,
dann stehe ich aufrecht im Sturm.

Das Leben ist nicht immer einfach,
mal ist die See ruhig und still,
mal peitscht der Regen ins Gesicht.

Doch ich weiche nicht.
Ich bleibe.
Ich lebe.

Petra Kremer schrieb einen mahnenden Text für unsere Zeit. Voll von Mitmenschlichkeit, aber auch von der Kraft, sich den Mächten der Unmenschlichkeit zu widersetzen.

Aus Schmerz gewebt ist das Gedicht
aus Hoffnung und aus Zuversicht.

Aus Mut. Aus Beistand.
Aus Gemeinschaft.

Aus Menschen, die nicht weichen.

Jesus. Gandhi. Martin Luther King.
Romero. Bonhoeffer.
Die Weiße Rose.

Aus Klarheit, dass Täter Täter sind
und im Opfer das verletzte Kind.

Aus Gewissheit, dass letztlich Liebe siegt.

„Ich lebe. Ich weiche nicht.“

@kerstin.kuehl.autorin beschreibt persönliche Erfahrungen der Vergangenheit. Sie beschreibt den Prozess des Überlebens in einer Zeit, die nicht gnädig ist.

Stürmisch waren die letzten Jahre. Wäre der Wind nur von vorne gekommen, hätte ich ihn genommen und einen Tanz mit den Blättern draus gemacht.

Aber er kam von überall und wirbelte mich wild umher, so dass mir schwindlig wurde…. nicht vor Liebe, nicht vor Glück, nicht voller Abenteuer.

Nein, es war ein energieraubender Wind, der mir die Luft zum Atmen nahm und ich erinnerte mich an diese Atemlosigkeit, ich kannte sie.

Aber mutig habe ich mich ihm gestellt, habe sein Energie respektiert und genutzt.

Ich weiß, es wird sicher nicht der letzte Sturm in meinem Leben gewesen sein, aber Sturm, sei dir gewiss…..Ich habe nicht die Orientierung verloren…..

„Ich lebe.
Ich weiche nicht.“!!!

Art of Duše zieht die Kraft zum Überdauern aus Tradition und Erinnerung. Ihr zärtlicher Text berührt den intimen Moment der Übergabe eines Credo.

Manche erben Geld oder Besitz, doch mein Vater hinterließ mir etwas Unendliches: Er schenkte mir seine Frequenz.

Wenn er „Yesterday“ auf seiner Geige spielte, öffnete sich ein heiliger Raum. Er ließ mich seine Zerbrechlichkeit fühlen – eine Seite, die außer mir niemand kannte.

In diesem Moment war er so gewaltig stark und doch so zart, dass es mich jedes Mal zum Weinen brachte.

Es war eine Liebe, die man nicht körperlich umarmen konnte, eine Verbindung von Seele zu Seele, die keinen Körper braucht, um wahr zu sein.

„Ich lebe. Ich weiche nicht.“

Heute verstehe ich diesen Impuls. Er hat mich nicht auf seinen Abschied vorbereitet, sondern auf seine Ewigkeit in mir. Er lehrte mich das größte Geheimnis:

Dass man so weit voneinander entfernt sein kann, wie es nur geht, und die Liebe dennoch umso stärker zurückresoniert. Er hat meine Seele als Resonanzkörper für diese Liebe geweiht.

Das schwere Gewicht, das ich manchmal spüre, ist nicht der Tod, es ist die Masse dieses Geschenks, das zu groß für diese Welt ist.

Dieses Erbe ist das Größte, was ein Mensch besitzen kann. Er ist nicht gegangen. Er ist noch immer da. Jedes Mal, wenn mein Herz vibriert, führt sein Bogen den Strich.

Von mir selbst. Ich bin ich. Du bist du.
Ich bin sein Nachhall. Und diese Liebe bleibt.

@bewusst_so_sein hebt unseren Geist auf eine existenzielle Ebene. Zwischen Atem und Weite, zwischen Erkenntnis und Ewigkeit spiegelt das Wasser des Meeres.

Ich lebe
ich weiche nicht
von meiner Seite

Ich lebe
ich atme Sicht
in meine Weite

Ich lebe
erkenne mich
im Meer des All-eins

Ich lebe
bin ewiglich
bin mich und doch keins

@zwischen_den_zeilen_es findet in den Zeilen des Impulses einen Kern aus Frieden und Ruhe und nimmt uns mit an einen abendlichen Strand.

Herzen hüpfen,
Augen tränen,
Meersalz auf meiner Haut.
Licht flimmert auf dem Wasser,
friedvolle Liebe ruht in mir.
Roter Sand am Abendstrand.
Freude, die mich tief erfüllt.
Ich lebe.
Ich weiche nicht.

@woerter_garten findet im Dazwischen den Aufbruch zu neuen Wegen und Küsten. Dabei leiten die Kernfragen, die uns zu einer Persönlichkeit werden lassen.

Ich lebe
Ich weiche nicht

Zwischen Härte und Sanftheit,
zwischen Dunkel und Licht
Bin ich ängstlich oder mutig?
Manchmal weiß ich es nicht.

Will ich kämpfen, will ich lieben?
Wofür stehe ich?
Im Strom treiben, mit ihm fließen –
wohin trägt mein Weg mich?

Ich glaube dem Herzen, das Fragen hört,
aber nicht an ihnen zerbricht –
Antworten kommen und sie gehen.
„Solange ich lebe, weiche ich nicht.“

Der Boden trägt mich, von Wind umweht,
die weiße Fahne in meiner Hand.

Ich winke schon der fernen Flotte,
so scheue ich kein neues Land.

@im_woerterwald hat mich stark bewegt, weil seine Worte eine enge Verwandtschaft mit dem Seeglas-Kosmos aufweisen. sie atmen den selben Seewind.

Gegen Sturm und Sand
hebt sich mein Blick.

Das Meer trägt Erinnerung
in salzigen Händen.

Wind fährt durch Namen,
nimmt Form und Rand.

Doch ich stehe
im wechselnden Licht.

Ich lebe!
Und ich weiche nicht.

Der Boden trägt mich,
von Wind umweht.

Des weiten Meeres eingedenk,
der Ewigkeit entgegen.

@nichts_ernstes erkennt im Wind den Widerstand gegen das Unechte und gegen die düsteren Kräfte unserer Tage.

Wind weht.
Ich lebe.
Ich weiche nicht.
Ihr nehmt.
Ich reiche nicht.

Beklebte Orte.
Getünchte Worte.

Die Vermengung der Pigmente
ergibt ein stumpfes Braun.

Ich verweigere den Verriss.
Ich lebe.
Ich weiche nicht.

Ich überschütte euch mit Farben.
Reines Cyan. Magenta. Gelb.

Ich überschreibe euch mit Worten.
Bis einer mir verfällt.
Strich für Strich.

@juli_norden geht den Kampf des Lebens mit, verschweigt aber auch nicht die Schwierigkeit des Weges.

Leben

ich lebe
mal oben oder versunken
atme zweifle und mache kehrt
sehne Berührung
weil du mich erkennst
halte fest bis einer geht
liebe weiter doch lasse los
ich weiche nicht
federe den Schmerz
weil Leben nicht einfach ist

@henriette.paul.autorin nimmt die Zeilen mit in den morgendlichen Rhythmus. Dort, im Wald, verwandelt sie sie in eine unbändige Kraft.

In die Wut hineinlaufen, wie in den Wald,
morgens beim Joggen. Nur schneller, drängender.
Risse und Verächtlichungen sind Antrieb.
Auf Alltagskratzern den Hang hinabschlittern
als wären sie rutschiges Laub.

Nicht umsehen, niemals umsehen!

Weiterrennen und den hängenden Zweig
mit solcher Wucht zur Seite schlagen,
dass er ächzt.

Ein Fluss? Hinein! Die Ohnmacht
wird endgültig mitgerissen,
Wasser bäumt sich zu einer
brodelnden Skulptur.

Durchscheinende Strudel rollen
aufwärts, dieselbe
Unermüdlichkeit in sich tragend,
wie die jahrhundertelange
Unterdrückung.

Schäumend glänzen Wirbelfontänen.

Fünf Worte:
»Ich lebe. Ich weiche nicht.«

Die Antwort bleibt.

@rebecca.literatur zeigt das Hadern mit der Entscheidung zum Widerstand. Die Kraft, die es kostet, sich für ein aufrechtes Leben zu entscheiden. Aber auch die Notwendigkeit, es zu tun.

Ich weiche nicht

Ich lebe. Ich weiche nicht.
Auch wenn das Dunkel nach mir ruft.
Wo Schatten ist, da ist auch Licht,
selbst Gräber tragen Blütenduft.

Ich kenne diesen alten Wunsch,
einfach wortlos fortzugehen,
alles hinter mir zu lassen,
niemals wieder umzudrehen.

Ich verstummte immer wieder,
damit mich niemand hören kann.
Doch selbst die Stille sprach mich laut
mit meinem eigenen Namen an.

Und ganz gleich, wohin ich fliehe –
mein Herz, es reist mir hinterher.
So oft hab ich es schon verraten,
machte ihm sein Schlagen schwer.

Auch verirrte sich oft Nebel,
in jeden Winkel meiner Brust.
Doch unter dieser grauen Kälte
da schlief ein Rest von Lebenslust.

Vielleicht kommt’s gar nicht darauf an,
niemals wieder Angst zu spüren.
Vielleicht nur darauf, trotz des Zitterns
sich selbst nicht völlig zu verlieren.

Ich lebe. Ich weiche nicht.
Nicht vor der Nacht, nicht mehr vor mir.
Ich trag mein Herz durch dunkle Winter,
denn auch der Frühling lebt in mir.

Kerstin.schreibt.2020 verwandelt den Impuls in eine märchenhafte Gleichnis-Erzählung mit Tiefgang. Nachdenklich, tiefgründig und ermutigend.

Ein Philosoph wurde einmal von einer jungen Frau gefragt, was wahre Stärke im Lebens sei. Sie erwartete eine große Antwort. Irgendetwas über Glück, Erfolg, Liebe oder Weisheit. Doch der Mann nahm nur einen kleinen Samen aus seiner Tasche und legte ihn auf ihre Hand. „Was siehst du?“ fragte er. „Einen Samen.“ Der Philosoph schüttelte den Kopf. „Nein. Du siehst einen Kampf.“ Die junge Frau verstand nicht. Da sagte der Mann: „Damit daraus ein Baum wird, muss er die Dunkelheit der Erde ertragen. Er muss gegen Steine drücken, Kälte aushalten und Stürmen standhalten. Bei all dem wächst er trotzdem dem Licht entgegen.“ Leise fuhr der Philosoph fort: „Das Leben ist nicht dazu da, unversehrt zu bleiben, sondern es fragt nur, ob du trotz allem weiterwachsen möchtest."

Die junge Frau blickte lange auf den kleinen Samen in ihrer Hand und plötzlich fühlte sie sich selbst schon weniger verloren.„Und was, wenn man müde wird?“, frug sie kraftlos. Der Philosoph lächelte. „Dann erinnere dich daran, dass selbst ein Baum im Sturm knarrt und vielleicht auch ein paar seiner Äste brechen. Stärke bedeutet nicht, niemals zu zweifeln. Vielleicht ist Stärke am Ende nichts anderes als ein stilles Trotzdem gegen die Schwere des Lebens. Ein leiser Satz, der kraftvoller ist als jede Angst. Ich lebe. Ich weiche nicht.“