Windrose "Jahrestag"

"Der einsetzende Regen zerschlägt den Spiegel"

WINDROSE

@kerstin.kuehl.autorin @zeit_fuer_worte @gabra4711 @sabinePoulou2026 @kerstin.schreibt.2020 @woerterwald.text @noazahiraschreibt @ feurstein_dieauswanderer @monkeyminds1981 @artofduse @zwischen_den_zeilen_es @seventinyhearts @maja_be_art

7/4/20268 min read

Windrose: Jahrestag

Diese Windrose ist anders als alle anderen bisher, denn sie aus einem Text entstanden, der irgendwie indirekt von mir ist. Eigentlich hat ihn einer meiner Rollenspielcharaktere geschrieben, den ich im Spiel "Tales from the Loop" verkörpere, ein Junge aus Schweden, dessen Vater auf See geblieben ist. Umso mehr hat es mich fasziniert, dass dieser Text so viel starke Resonanz erzeugt hat.

Jahrestag

Graues Septemberlicht

auf spiegelglattem Wasser.

Kein Luftzug. Die Weite schweigt.

Die Frühluft atmet die Trauer

eines verlorenen Jungen,

die Hände in den Taschen

der schmutzigen Ölhose

zu Fäusten geballt.

Einsamkeit. Schreiendes Schweigen.

Kein Vergessen.

Ein Jahr, seit Vater draussen blieb.

Ein Zittern auf der Spiegelfläche.

Schmerz wallt auf.

In ihm schreit es,

doch er steht wie versteinert.

Der einsetzende Regen

zerschlägt den Spiegel

und weint

für ihn.

Gina von Bargen beschreibt, wie es sich anfühlt, bevor der Regen einsetzt, bevor die reinigenden Tropfen fallen und die Düsternis fortspülen.

VORREGENRUHE

Mein Blick löst sich

von den endlosen Stunden

des hitzemüden Wartens

hin zu den Wolken,

deren unschuldige Wattebauschigkeit

einem grau getönten Nebel weicht.

Der einsetzende Regen

zerschlägt den Spiegel

der großen Pfützen,

in denen meine

dürren Gedanken treiben.

Mit jedem Tropfen

verschwimmt eine Sorge

und versinkt lautlos in den

aphotischen Tiefen

des dunklen Wassers.

Die Zeit der Hitze

mit einen Niederschlag vorbei

und der Geist wieder frei,

um Tropfen

für Tropfen

aufzuatmen.

©Gina von Bargen

29.06.2026

@gabra4711 erkennt sich selbst in diesem Seelenspiegel und spürt den Augenblick der tiefen, inneren Öffnung, wenn alle Fragen keiner Antwort mehr bedürfen.

Das Wasser verschwommen

Ein bißchen zerronnen

Der Spiegelblick

Wer bin ich

Ich frag mich

Oder Dich

Dich

Die

Du

Ich

Bist

Manchmal seh ich es nicht

Mein Seelengesicht

Kann nicht gut hören

Was es spricht

Bis der einsetzende Regen

Zerschlägt den Spiegel

Ein Buch mit einem roten Siegel

Oftmals

Das

Ich

Erfrischend offen dann

@SabinePoulou findet sich ebenfalls in den Fragmenten, doch wie beständig ist dieses Ich? Ein vorsichtig tastender, sensibler Text.

Im Spiegelbild

Was eben noch Gesicht war,
zerfällt in zitternde Fragmente,
verwischt, verwaschen und verloren
im Rauschen der fallenden Zeit.

Und irgendwo dazwischen
kein Ganzes mehr,
nur noch ein Flimmern,
das sich selbst nicht erkennt.

Und ich, gesammelt aus diesem zerstreuten Leuchten,

füge mich notdürftig zusammen, stelle mich in eine Vase.

Als wäre Form nur eine vorübergehende Abmachung

zwischen Zerfall und Stille.

@SabinePoulou 2026

@Kerstin.schreibt.2020 findet in der Betrachtung des kleinen Gartenteichs einen kontemplativen Moment der Stille. Eine Versöhnung mit Schicksal und Zeit.

"Jeden Morgen bleibe ich für einen Augenblick im Garten an unserem Teich stehen. Es ist inzwischen eine stille Gewohnheit geworden. Im glatten Wasser sehe ich mein Spiegelbild und manchmal glaube ich, darin noch andere Gesichter zu erkennen.

Das lachende Kind, das einst durch Pfützen sprang. Den Jungen, der zum ersten Mal meine Hand losließ.

Die junge Frau, die ihre eigenen Wege ging. So viele Jahre sind vergangen. Jahre voller Brotdosen und Gute-Nacht-Geschichten, voller Sorgen, die nachts größer wurden und voller Glück, das oft in ganz kleinen Augenblicken wohnte.

Heute Morgen liegt das Wasser still wie Glas. Ich betrachte mein Gesicht und entdecke darin die Spuren der Zeit. Jede Falte erzählt von einem Lachen, einer Sorge, einem Abschied und einer Liebe, die nie kleiner geworden ist.

Plötzlich ziehen Wolken auf und die ersten Tropfen fallen.

Der einsetzende Regen zerschlägt den Spiegel.

Mein Bild zerfällt in tausend Kreise und für einen Moment verschwimmen die Jahre, die Erinnerungen und all die Gesichter, die ich darin gesehen habe. Dennoch empfinde ich keinen Verlust, weil ich begreife, dass die Zeit mir nichts genommen hat. Sie hat meine Kinder nicht fortgetragen. Sie hat sie nur wachsen lassen. Klar, vermisse ich manchmal die kleinen Hände in meinen Händen, die Stimmen aus den Kinderzimmern, das Wühlen in Lego-Kisten und das Gefühl, immer gebraucht zu werden. Aber viel größer als die Wehmut ist die Dankbarkeit.

Der Spiegel auf dem Wasser mag zerbrechen und die Bilder darin verschwinden, doch in mir leben sie weiter. Das Kind in meinem Arm, aus dem ein junger Mensch geworden ist.

Und die Liebe einer Mutter, die mit den Jahren nicht kleiner wird, sondern tiefer.

Während der Regen den Teich mit seinen Kreisen füllt, lächle ich und gehe zur Arbeit. Ich bin nicht traurig über das, was vergangen ist, sondern dankbar für alles, was bleiben wird."

@kerstin.schreibt.2020

@woerterwald.text zeigt uns den Augenblick der Verwandlung, den der Regen bringt. Verwandlung geht nicht ohne Schmerz.

Metamorphose

Der einsetzende Regen zerschlägt den Spiegel —

ein Erschrecken, ein Riss durch das Bekannte.

Was als Ego thronte, bricht in Scherben.

Doch jede Kante, die das Auge schneiden wollte,

wird im Fallen matt und glatt wie Seeglas.

Was schnitt, hat Fließen gelernt.

@woerterwald.text

Noa Zahira zeigt in ihrem Spiegel, in einem Moment erschütternder Klarheit, eine Wahrheit, die ins Auge von etwas Größerem schauen lässt.

Der Spiegel der Wahrheit

Es war nicht fair.
Nein. Ganz und gar nicht.

Aber vielleicht ist es immer so,
wenn man den Spiegel der Wahrheit zerschlägt.

Die einsetzende Dunkelheit
trübte nicht nur meine Sicht,
sondern auch meine Sinne.

Ich stolperte, fiel
und spürte den Blick
des Drachenkönigs auf meinem Rücken.

Doch da war noch etwas anderes.

Etwas, das sich anfühlte wie Regen.

Jeder Tropfen,
der mich berührte,
erzählte mir eine andere Wahrheit
über mich selbst.

„Ha, ha“, lachte der Drache.

„Du entkommst ihr nicht.“

Noa Zahira

www.zwischen-den-zeilen.net

@maja_be_art erkennt im Spiegel die Liebe, aber auch ihre bitteren Grenzen.

Der Wind hat sich gedreht

Meine Hoffnung ist verweht

Es tönt ein düstrer Klang

Es wird mir ganz bang

Ein Schlepper fährt vorbei rasant

Zieht sonst nur wertvolle Ware ans Land

Diesmal trägt er Melancholie

Das gab es noch nie

Wir waren zusammen und hatten keine Probleme

Wir trotzten der Sommerhitze und tauchten in die Tiefe der Seele

Du liebtest mich und ich liebte dich sehr

Doch das Wörtchen Wir - gibt es nicht mehr…

@maja_be_art

@seventinyhearts erkennt die kalte, trotzige Gegenwart, die wenig Platz lässt für Gefühle. Doch sie schäumen.

Trying to keep alive what’s been pronounced dead,

I’m an average broken Walmart price tag,

They feed off my decline,

I might have to decline the next line or my head will spin like a vinyl in reverse,

180, that’s gonna break my neck in one place or two,

360 in my leased car, I can’t lose what isn’t mine right?

Lately the numbers are counting down, below zero you’re gon freeze,

The rain steals what’s left of me,

I’m sitting with the breeze singing one, two, three but this I’m counting down.

@seventinyhearts

@monkeyminds1981 hört genau hin, auf die Fragen in den Regentropfen und die Antworten der Zeit.

Der einsetzende Regen zerschlägt den Spiegel aus Jahrestag

Heute regnet es.

Nicht draußen.

Zumindest nicht nur dort.

Es gibt Tage,

die tragen ein Datum,

als wäre es ein Name.

Tage,

an denen Erinnerungen nicht anklopfen,

sondern einfach neben dir Platz nehmen.

Man glaubt,

die Zeit hätte längst alles geordnet.

Doch dann fällt ein Wort.

Ein Geruch liegt in der Luft.

Ein Lied beginnt.

Und plötzlich zeigt der Kalender

nicht mehr das Heute,

sondern das Damals.

Der Regen trifft die Oberfläche

wie kleine Fragen.

Eine nach der anderen.

Und mit jeder fällt ein Stück

des sorgfältig aufgebauten Spiegels,

in dem wir versucht haben,

den Schmerz in etwas Verständliches zu verwandeln.

Vielleicht ist das der Grund,

warum Jahrestage so schwer sein können.

Nicht weil sie die Vergangenheit zurückbringen.

Sondern weil sie zeigen,

dass manche Menschen

auch nach Jahren noch einen Platz in uns haben,

den die Zeit nicht räumen konnte.

Und während der Regen

sein eigenes Muster zeichnet,

verstehe ich:

Manche Spiegel müssen nicht ganz bleiben.

Manche dürfen zerbrechen,

damit wir erkennen,

dass Liebe, Verlust und Erinnerung

nie in einem einzigen Bild Platz hatten.

@monkeyminds1981

@zwischen_den_zeilen_es spürt das Anwachsen des Regens, das Lautwerden der Sehnsucht, die sich nach Geborgenheit anfühlt. Ist das Wahrheit oder Trug?

Der Regen wird stetig lauter,

er bildet erste Pfützen.

Ich sitze im Trocknen,

die Decke wärmt mich,

ich fühle mich lebendig und geborgen.

Der Regen schlägt gegen das Fenster,

ich denke zurück an das Zelten.

An dich und die Arme, die mich hielten,

das Gefühl ist noch da, doch du bist fort.

Es donnert, es blitzt in der Dunkelheit.

Das Leuchten reißt mich aus meinen Träumen,

der einsetzende Regen zerschlägt den Spiegel

und mein Leben in tausend Splitter.

@zwischen_den_zeilen_es

@artofduse folgt dem Blick unter die Oberfläche. Das Offensichtliche zerbricht. Können wir das Echte jenseits der Spiegel finden?

Ihr sucht ein Abbild. Eine Oberfläche, an der ihr euch festhalten könnt.

Ihr nennt es den Spiegel meines Ichs.

Doch der Regen das Einpeitschen der Welt zerschlägt diese Fassade.

Was ihr dann seht, ist Ohnmacht. Ein tiefes Tal der Unsicherheit.

Ihr wollt, dass ich stillhalte, damit ihr euch in mir erkennt.

Aber ich bin nicht der Spiegel.

Ich bin das, was sich weigert, dasselbe Bild zweimal zu zeigen.

Mein Kern ist nicht reflektierbar.

Denn je härter der Regen fällt, desto mehr verändere ich mich.

Ihr sucht ein Gesicht.

Ihr findet nur den Bruch.

​Der Spiegel ist die Grenze eurer Wahrnehmung.

Ihr wollt Gefühle ordnen, Schmerz hier, Sein dort.

Doch alles liegt in Scherben.

Habt den Mut, jede einzelne zu betrachten.

Dann zerfällt die Täuschung des Abbilds.

Zurück bleibt nur das Sein.

Unsortiert. Echt.

@artofduse

@kerstin.kuehl.autorin sieht im Spiegel ein Schicksal, das nicht einfach akzeptiert werden muss. Die Macht, es zu entscheiden, liegt in uns.

Ich komme zu mir und finde mich kniend auf einem Spiegel am Boden. Ich habe versucht, das Sonnenlicht im Spiegel einzufangen, zu konservieren, ein bisschen Licht für mich ganz allein, das mir die Dunkelheit erhellt.

Ich bin im Spiegelbild versunken und für einen Moment war ich fort... In einer anderen Welt, wo das Licht ewig währt... oder doch nur geblendet? Ohnmächtig? Egal. das Licht verändert sich. der Himmel verdunkelt sich. Die Wolken türmen sich auf und ein schwerer Regen ergießt sich aus ihnen. Er prasselt auf den Spiegel so kraftvoll. Der einsetzende Regen zerschlägt den Spiegel. Er zerbricht in viele Teile.

Oh nein, Spiegelbruch bringt Unglück, so der Aberglaube! In dem Moment reißt das Wolkenpaket wieder auf, die Sonne kommt hervor und sucht sich ihren Weg auf meinem Spiegel. Das Licht.... prachtvoller, ausgeprägter als vorher... wie ein Prisma, schenkt mir mehr Licht. als ich mir je hätte für mich wünschen können. Wunderschön. Kein Aberglaube. Schönheit.... Helligkeit!

So wie das Glas des Lebens immer halbvoll statt halbleer sein sollte, so kann ein vermeintliches Missgeschick dir eine ganz andere, schönere, kraftvollere Perspektive bieten. Habt Mut, euch von alten Glaubenssätzen zu lösen!

@feurstein_dieauswanderer schließlich führt den Impuls dorthin zurück, wo er begann: in den Augenblick, wo Trauer zu Sprachlosigkeit wird. Es ist der Moment, wo wir erkennen, dass etwas Kostbares bleibt, wenn nichts mehr zu bleiben scheint.

Und wieder ist ein Jahr vergangen.

Die Tropfen fallen leise auf die Erinnerungen, die ich so behutsam in meinem Herzen bewahre. Sie verwischen nicht – sie machen nur sichtbar, wie sehr du mir fehlst.

Vor zwei Jahren hat die Zeit für mich aufgehört, so zu fließen wie früher. Seitdem messe ich Tage nicht mehr an Sonnenaufgängen oder Kalenderblättern, sondern an der Sehnsucht nach dir. An den Momenten, in denen ich etwas Schönes sehe und es dir erzählen möchte. An den Augenblicken, in denen ich deinen Namen nur in meinen Gedanken aussprechen kann.

Der Regen zerschlägt den Spiegel des Jahrestages. Die Bilder darin zerbrechen in tausend Scherben: dein Lachen, deine Stimme, dein Blick. Und doch spiegelt sich in jeder einzelnen Scherbe dieselbe Wahrheit:

Liebe vergeht nicht.

Sie bleibt. Sie sucht weiter nach dem Menschen, dem sie gehört.

Manchmal glaube ich,wenn ich durch meinen Wald streife,dass du im Wind bist, der mein Gesicht sanft streichelt. Im Licht zwischen den Wolken. In den stillen Minuten, in denen mein Herz plötzlich warm wird, obwohl du nicht da bist.

Vielleicht ist Hoffnung nichts Großes. Vielleicht ist Hoffnung einfach der Gedanke, dass Liebe stärker ist als die Trennung. Dass zwischen Himmel und Erde ein unsichtbarer Faden besteht, den selbst die Zeit nicht zerreißen kann.

Ich vermisse dich heute nicht weniger als gestern.

Und ich liebe dich auch nicht weniger.

Während der Regen fällt, hebe ich die Scherben des Jahrestages auf und halte sie ins Licht.

Dort bist du.

Nicht verloren.
Nicht vergessen.

Für immer verbunden mein Sohn,Thomas ❤️

Alexandra Feurstein

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