Windrose vom 6. Juni 2026

Der Schreibimpuls zu "Der Ruf"

WINDROSE

Leander Linnhoff @juliabeylouny @jessis.seelenreich @kerstin.schreibt.2020 @komische_lyrik @artofduse @lustaufworte @zwischen_den_zeilen_es @martin_gliebe @petra.kreme @monkeyminds1981 @kaidenemerlad @woerterwaldtext @connys_gedichte @zeilenspiel @herzlicht_reiki @gabra4711

6/6/20268 min read

Der Kaffee zu heiß. Der Tag auch.

Diese zwei Zeilen aus dem Gedicht "Der Ruf" waren diesmal Inspirationsquelle zur Windrose. Im Originalgedicht sah das so aus:

Der Ruf

Aufgewacht, den Schweiß auf der Stirn.
Die Hitze flirrt vor dem Fenster.
Kein erleichternder Schatten.
Der Kaffee zu heiß. Der Tag auch.
Vor der Türe riecht es nach Abgas,
altem Bier und irgendwie nach Chlor.
Menschen, dicht an dicht, kleben
in der Tram aneinander.
Wie gestrandete Fische, japsend nach Luft.
Plötzlich ein Laut vom Fluss.
Eine Möwe schreit.
Und sofort weicht die Stadt und
der breite Strand aus feinkörnigem,
weichen Sand öffnet sich.
Ein Tickeln zwischen den Zehen
macht sich im Körper breit.
Atem. Seeluft? Salz?
Der grauebraune Fluss weitet sich
zur offenen, tiefblauen See.
Für einen Moment
Ruhe.
Ich fahre hinaus.

Leander Linnhoff

Wieder war ich begeistert und überwältigt von der Flut derer, die sich durch den Impuls angesprochen gefühlt haben und der Sommerhitze auf eigene Weise begegnen wollten. Es sind Werke von Schönheit, Tiefe, Witze und Charakter entstanden. Es ehrt mich, an dieser Entstehung beteiligt gewesen zu sein.

Die Einsendungen

@herzlicht_reiki erinnert uns daran, wie wichtig das Durchatmen auch in Hitzezeiten des Lebens ist. Das Pausieren, um neue Kraft aufzubauen. Und manchmal braucht es eine Katze, um uns dies vor Augen zu führen.

„Die Wächterin der Pausen“

Der Kaffee ist heiß und der Tag auch.
Jetzt legt sich meine Katze zu mir auf meinen Bauch.

Die Sonne scheint in mein Gesicht und ich denke mir:
Pausieren ist doch kein Verzicht.
Nein, im Gegenteil, es sorgt für mein inneres Gleichgewicht.

Immer nur Strampeln, Hampeln und von vorne bis hinten alles zerdenken.
Nein, jetzt ist es an der Zeit, mir Ruhe zu schenken.

Der Wind pfeift und die Möwen kreischen,
doch meine Gedanken sind wie Wellen, die peitschen.

Meine innere To Do ist ziemlich groß,
jedoch liegt die Katze gerade mit Wonne auf meinem Schoß.

An ein Entkommen ist jetzt nicht zu denken,
meine Katze mag es wirklich sehr mir ausgiebig Zeit zu schenken.

Als würde sie sagen,
Pausieren ist doch deine Pflicht,
es hilft dir mit deinem inneren Gleichgewicht.

@zeilenspiel verdichtet das Bild der Hitze in einer Intensität, die körperlich spürbar scheint. Betörend gnadenlos.

L. E. Whitman

Dampf, in der Luft.
Diesig. Dräuend.

Das Blau,
des Fernwehs,
heiß und träge.

Perlen aus Schweiß,
tropfen,
in Zeitlupe,
im Wellentakt
in die Unendlichkeit.

Braune Flüssigkeit,
im unkaputtbaren Becher,
schwappt heiß,
taktgleich.

Synchronität
aus Hitze.

@connys_gedichte verdeutlicht, dass das Jammern zwei Seiten hat. Es erleichtert ein wenig, aber es wird zum alarmierenden Normalzustand unserer Gesellschaft.

Der Kaffee zu heiß

Der Tag auch

So klagen wir nur

Alltagsbrauch

Klagen erleichtert

Entlastet den Bauch

Doch singen wir heute

Rosig der Rauch

So freut sich das Herz

Ein süßer Hauch

@woerterwald.text nimmt uns mit auf See und zeigt, was eine Flaute auf einem Segler bedeuten kann. Ein Verlust von Hoffnung.

Flaute

Von Wind nicht ein Hauch.

Das Deck geschrubbt.

Der Schweiß läuft über Rücken und Bauch.

Der Kaffee zu heiß.
Der Tag auch.

Nur noch Seife im Eimer.

Das Wasser wird knapp.

Die Sehnsucht nach Hause
zeigt jetzt ihren Preis.

Der Kaffee läbbrig.
Der Tag zu heiß.

@kaidenemerald gestaltet aus der urbanen Hitze eine existenzielle Krise, eindringlich, drückend und sengend.

Der Kaffee zu heiß.

Der Tag auch.

Die Lippen verbrannt an etwas,
das mich wachhalten sollte.

Der Morgen hängt schwer
zwischen den Rippen
wie nasse Wäsche,
die seit Jahren keiner mehr abnimmt.

Und draußen
lernt die Stadt wieder
wie man Menschen verschluckt,
ohne dabei Geräusche zu machen.

Ich sitze am Fenster
mit Händen,
die längst vergessen haben
wie festhalten geht.

Nur die Tasse noch warm,
nur der Schmerz noch ehrlich.

Manchmal denke ich,
der Körper erinnert sich länger
als die Seele erlaubt.

An Türen,
die nachts zu laut zufielen.

An Stimmen,
die erst flüsterten
und dann Narben hinterließen.

An dieses ewige
„stell dich nicht so an“,
während etwas in mir
ganz langsam
zu Staub zerfiel.

Ich habe früh gelernt
wie man lächelt,
wenn eigentlich Blut
aus dem Herzen läuft.

Habe gelernt,
ruhig zu wirken,
während innen
ganze Häuser einstürzen.

Und trotzdem
stelle ich morgens Kaffee auf
als wäre Hoffnung
eine Gewohnheit.

Als könnte Wärme
irgendwann zurückbringen,
was die Jahre
mir aus den Händen nahmen.

Der Kaffee längst kalt,
doch der Tag brennt weiter.

Und irgendwo,
unter all der Asche,
sitzt noch immer
dieses müde kleine Wesen in mir.

Nicht mit großen Wünschen,
nicht mit Gold,
nicht mit Ruhm,
nicht einmal mit Rache.

Nur mit dem leisen Hunger
nach einem Tisch,
an dem niemand schreit.

Nach Türen,
die offen bleiben.

Nach Händen,
die nicht drohen.

Nach einem Morgen,
der einfach nur ein Morgen ist
und keiner Prüfung gleicht.

Ich wollte nie gerettet werden,
nur einmal einen Hauch
von Normalität verspüren.

@monkeyminds1981 zeigt, dass die äußere Hitze nur ein Spiegel ist für das innere Ringen und das Zuviel der Welt.

Und plötzlich merkst du,
dass es nicht die Temperatur ist,
die dich müde macht.

Nicht die Hitze draußen.

Nicht der Kaffee,
der noch zu heiß ist.

Sondern all die Gedanken,
die schon vor dir wach waren.

Die Gespräche,
die nie geführt wurden.

Die Erwartungen,
die wie Gepäck an dir hängen,
obwohl sie nie dir gehört haben.

Die Erinnerungen,
die manchmal leiser werden –
aber nie ganz verschwinden.

Und vielleicht sitzt du deshalb da.

Mit beiden Händen an einer Tasse,
als könntest du für einen Moment
etwas festhalten,
das in dir längst ins Wanken geraten ist.

Du schaust aus dem Fenster.
Siehst den Tag vorbeiziehen.
Spürst die Wärme.

Und fragst dich leise,
wann du eigentlich aufgehört hast,
wirklich anzukommen.

Vielleicht ist genau das der Moment.

Nicht der,
in dem alles leichter wird.

Sondern der,
in dem du aufhörst wegzulaufen.

Und einfach nur da bist.

Mit dir.

Mit dem Kaffee.

Mit diesem Tag.

Und mit der Hoffnung,
dass wenigstens die Tasse abkühlt –
wenn das Leben es heute nicht tut.

Petra Kremer nimmt uns mit auf eine Demo, in der sich die Geschehnisse überschlagen und die Lage so aufheizt, dass der Mensch unterzugehen droht.

Der Kaffee zu heiß.
Der Tag auch.

Sie lechzt nach einem Windhauch,
der ihr etwas Kühlung zufächelt...

Aber sie verglüht...

Die Hoffnung auf Gewitter
war verfrüht...

Es sind auch viel zu viele Menschen...

Und sie erstickt...

Die Redner auf dem Podium
hat sie nicht erblickt...

Sie ringt um Atem,
das Opfer hier ist groß...

Doch es geht um Alles...
Und sie steht...

Während die Luft flirrt
und das Herz rast...

Wasser!

Ihre Sinne drohen zu schwinden...

Wird sich keine Hilfe finden?

Schon weiß sie nicht mehr,
wer und was hier gerade war...

Die Stimmen werden leiser,

Die unsichtbaren Redner
schreien sich heiser...

Das fühlt sie wohl,
doch es nützt nichts mehr...

Ihr Akku ist leer...

Jemand reicht ihr einen Kaffee,
den sie gierig nimmt
und sich verbrennt...

Während dort,
ganz vorne
ein Vermummter rennt...

Sie fühlt es,
wie einen Schlag in den Bauch.

Der Kaffee zu heiß.
Der Tag auch...

Martin Gliebe hat eine sinnliche Hitze gefunden, in die er uns mit einem Augenzwinkern führt.

Der Kaffee ist heiß

Der Tag ist es auch

Wenn ich ganz leis

In Träume eintauch

Und dich dort finde

Beginnt unser Tanz

Fest an mich binde

Zwei Teile nun ganz

Du weißt was ich denke

Ein verbotenes Spiel

Sehnsucht verschenke

Hab davon viel

Am Ende im Schweiß

Lieg auf dem Bauch

Der Kaffee war heiß

Du aber auch.

@zwischen_den_zeilen_es sieht es pragmatisch und macht deutlich, dass man über Dinge Jammern oder sie angehen kann.

Der Kaffee zu heiß.

Schluck Milch darauf.

Der Tag auch.

Kipp Wasser drauf.

@lustaufworte zeigt uns den Wechsel des Wetters, der Stimmungen und der Erwartungen. Mit nachdenklichem Ton führt der Text in einen Moment der Ruhe und wieder hinaus.

„Der Kaffee zu heiß, die Tage auch“.

Kurz nachdem die Tage
zu kalt waren und der Kaffee
nicht heiss genug,

gab es diesen einen Moment
der Perfektion.

Ein kurzer Augenblick,

in dem die Zeit nicht forderte,

das Fehlerhafte
geliebt wurde und keine
Rückmeldung brauchte.

Endlich konnte ich
wieder genießen,

den Duft des taufrischen
Grases einatmen,

bevor das „Zu heiß“
mir den Tag vermiesen würde.

Für wie unfehlbar halten
wir uns selbst,

um zu glauben,

dass die Welt
sich nur um
unsere Wünsche dreht?

@artofduse führt in die Erinnerung mit ihrem Vater. Ein Moment, der etwas Heiliges in sich trägt.

Der Kaffee ist zu heiß,
der Tag steht still.

Ein unerträgliches Brennen,
das von überall kommt.

Die Welt schließt sich wie ein Schraubstock um mich,
innen brodelt die Panik,
außen drückt die Hitze gegen meine Haut.

Ich werde zerkocht,
in mir selbst gefangen,
während die Luft dünn wird
und der Verstand in den Wahnsinn abdriftet.

Absolute Ohnmacht.

Doch dann,
mitten in diesem Zusammenbruch,
ist da plötzlich er.

Keine Worte,
nur eine Handlung:

Brot,
Butter,
ein wenig Salz.

Er reicht es mir.

So einfach,
so bodenständig.

In diesem Moment
weicht die Panik der Vertrautheit.

Die raue Kante meines Lebens wird weich.

Er ist nicht mehr hier,
aber in diesem Brot schmecke ich den Frieden,
den er mir hinterlassen hat.

Ich darf mich fallen lassen,
denn er hat mich aufgefangen,
als sonst niemand es konnte.

Erinnerungen,
die bleiben.

Erinnerungen,
die heilen.

Danke Papa.

@komische_lyrik schildert die Unerträglichkeit der Hitze, die sich existenzbedrohend anfühlt.

Der Kaffee zu heiß.
Der Tag auch.

Beides schlägt auf meinen Magen,
und das seit Tagen,

denn immerzu ist der Kaffee zu heiß:

heiße Wärme.

Die Tage auch.

Bald schlägt alles auch
auf meine Därme,

Leber,
Milz und Galle,

auf alle Organe in meinem Bauch,

denn der Kaffee ist zu heiß
und alle Tage auch.

Kerstin Burkart findet Erlösung in einem Lachen. Es ist dieser eine Moment, den es braucht, die Hitzespirale zu durchbrechen.

Während ich den Pappbecher von einer Hand in die andere wechselte,
murmelte ich halb lachend,
halb erschöpft:

„Der Kaffee zu heiß.
Der Tag auch.“

Um mich herum viel zu viele Menschen,
die liefen,
als gäbe es irgendwo ein Ziel,
das nur sie kannten.

An der Ampel rempelt mich ein Mann an,
ohne sich umzudrehen.

Mein Handy vibrierte zum dritten Mal
in der Jackentasche
und meine Uhr am Handgelenk ebenfalls.

„Dringend.“

Natürlich ist es dringend.

Alles war nämlich inzwischen dringend.

Ich nahm vorsichtig einen Schluck
und verbrannte mir die Zunge.

Im gleichen Moment hörte ich hinter mir
eine Gruppe Kinder laut lachen.

Es war ein so ehrliches Lachen am Morgen,
dass ich bemerkte,
wie seltsam alles geworden war.

Wir hetzen durch Tage,
die uns zu heiß geworden sind
und wundern uns,
warum wir uns ständig die Seele verbrennen.

Ich blieb kurz stehen.

Die Menschen eilten an mir vorbei.

Das Lachen der Kinder
wurde in der Ferne immer leiser.

Der Kaffee dampfte noch.

Der Tag auch.

@jessis.seelenreich folgt ihrer eigenen, inneren Windrose. Sie wurde nicht von der Hitze des Tages ergriffen und ließ sich stattdessen von den Lüften tragen.

Dank der Windrose meiner Seele,
konnte ich den niederschmetternden Wellengang
meines Innenlebens überstehen.

Ganz gleich,
wie stark der Wellengang
zu gegebener Stunde auch war,

die Nadel blieb konsequent
in einer Richtung:

nach vorne.

In eine,
nein,
meine Zukunft.

Das Licht der Gegenwart
ermöglichte es,
das tosende Meer in mir zu beruhigen.

Die Wellen wurden gnädiger.

Durch das Strahlen der Gegenwart
gen Zukunft
erblickte ich letztlich eine Insel.

Ich war nicht mehr das Mädchen von einst.

Ich war gereift.

Geistig klarer
und fokussierter.

Danke liebe Windrose.

Danke,
dass du mich so gut leitest.

@juliabeylouny nimmt uns mit in den Kampf, den der Körper gegen die Hitze zu schlagen hat, die in einer immer überhitzteren Welt um sich greift.

Alles brennt.

Meine Lippen vom Kaffee,

die Sonne vom Himmel,

der Sand unter meinen Füßen.

Die Häuser am Horizont.

Die Schreie in meinen Ohren.

Kein kalter Krieg,

sondern einer,

der wie Feuer um sich greift.

Ich bin.

Mittendrin.

gabra4711 wendet die Perspektive gekonnt. In ihren Armen bietet sie dem fiebrig Leidenden Trost.

Der Kaffee zu heiß
Der Tag auch
Mund verbrannt
Herz versengt

Laß Dich fallen
In meine Umarmung
Weichwellig kühlt sie Dich
Schließ die Augen
Im Vertrauen
Laß Dich treiben
Ich frage nicht
Ich trage Dich
Bis
Du
Dich
Wieder
Tragen
Kannst

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