Windrose vom 20. Juni 2026

I love my life, I want to live.

WINDROSE

@kaidenemerald, @henry.nerlich, @petrakreme @kerstin.schreibt.2020 @gabra4711 @ela_herzundwort_autorin @zeit_fuer_worte

6/20/202610 min read

"I love my life - I want to live"

Diese Zeilen meiner vor 35 Jahren verstorbenen Klassenkameradin Esther (an ihren Nachnamen erinnere ich mich nicht) gehen mir nicht aus dem Kopf. Sie halten dazu an, das Leben zu feiern, in all seiner Fülle. Daher habe ich sie aus dem Gedicht ausgewählt, das diesmal die Grundlage der Windrose ist.

Worte
Dein Name war Esther.
Als du starbst, waren wir vierzehn.
Du warst erst zu uns gezogen,
in die große Stadt.
Ein Schuljahr.
Es war Sommer, als der Krebs streute.
Wenige Wochen später
standen wir Jungen an deinem Grab.
Wir kannten uns kaum. Außer Thomas.
Er hatte dich sehr gemocht.
Ich hielt tröstend seine Hand.
Er weinte.
Eigentlich stand er nicht auf Mädchen.
Deine Eltern sprachen kein Wort.
Dann las der Priester einen Satz
aus deinem Tagebuch.
Auf Englisch. Das konntest du nie gut.
„I love my life, I want to live.“
Es traf mich wie ein Schlag.
Sprachlos.
Atemlos.
Nach drei Jahrzehnten kam ich
wieder auf diesen Friedhof.
Dein Grab gibt es nicht mehr.
Thomas ist verschwunden.
Ich fand ihn nicht mehr.
Aber deine Worte bleiben.
Immer wieder lebe ich sie.

„I love my life, I want to live.“

Die Einsendungen, die ich erhalten habe, sind intensiv. Sie sind ein Fest des Lebens, aber auch ein Memento Mori. Vielleicht erkennen wir nur in der Vergänglichkeit die Schönheit des Seins.

@kaidenemerald macht den Auftakt mit einem wie immer bildgewaltigen Text, der an alte Mythen erinnert. Trotzdem bleibt er geerdet und zart.

Der Wind strich durch die Ruinen.

Er trug den Duft von Kiefern über die zerbrochenen Mauern und ließ das hohe Gras zwischen den Steinen wie Wellen über ein grünes Meer tanzen.

Auf dem höchsten Turmstumpf stand er allein.

Dort, wo einst Banner im Himmel geflattert hatten.

Dort, wo Könige Befehle gegeben und Helden gefeiert worden waren.

Nun lebten nur noch Schatten zwischen den alten Steinen.

Die Sonne neigte sich dem Horizont entgegen und vergoldete die Narben der Welt.

Narben. Er kannte sie gut.

Manche zogen sich durch das Land. Andere durch sein Herz.

Er hatte so vieles verloren, dass er irgendwann aufgehört hatte zu zählen.

Namen waren zu Erinnerungen geworden. Erinnerungen zu Geistern.

Und Geister zu ständigen Begleitern auf seinen Wegen.

Manchmal glaubte er, die Vergangenheit habe schärfere Krallen als jeder Dämon.

Sie lauerte in stillen Augenblicken.

In bestimmten Stimmen.

In einzelnen Worten.

Und wenn sie zuschlug, riss sie alte Wunden wieder auf, von denen er geglaubt hatte, sie längst hinter sich gelassen zu haben.

Unter ihm lag das Tal.

Still.

Friedlich.

Fast unwirklich.

Als hätte die Welt vergessen, wie viel Blut sie einst getrunken hatte.

Sein Blick wanderte über die Dächer der kleinen Häuser.

Über rauchende Schornsteine.

Über Felder, die im Abendlicht leuchteten.

Dann hörte er es.

Lachen.

Hell.

Unbeschwert.

Lebendig.

Zwischen den Ruinen jagten einige Kinder einander durch das Gras.

Ihre Stimmen tanzten durch die Luft wie Schwalben im Frühling.

Eines stolperte.

Ein anderes half ihm wieder auf.

Dann rannten sie weiter.

Als gäbe es nichts auf der Welt, wovor man Angst haben müsste.

Er beobachtete sie. Lange.

Und plötzlich fragte er sich, wann er zuletzt so gelacht hatte.

Nicht aus Höflichkeit.

Nicht, um stark zu wirken.

Sondern weil sein Herz leicht gewesen war.

Die Frage blieb unbeantwortet.

Doch etwas anderes antwortete.

Der Wind.

Das goldene Licht.

Das Zirpen der Grillen.

Der Rauch aus den Schornsteinen.

Das Leben.

Es war überall.

@henry.nerlich entdeckt in den Zeilen den warmen Blick auf die Einfachheit des "Hier und Jetzt", das Zelebrieren den Augenblicks. Damit wir uns erinnern können.

„I love my life, I want to live.“

Es traf mich wie ein Schlag.

Und plötzlich stand zwischen den Worten
ein längst vergangener Tag.

Ein Tag voller Stimmen,
voll Wärme und Licht,
so vieles verblasst,
doch vergessen wird es nicht.

Die Jahre vergehen,
der Weg wird weit,
doch Erinnerungen kennen
keine Zeit.

Sie sitzen am Abend
still neben dir,
und flüstern von Menschen,
die fehlen im Hier.

„I love my life, I want to live.“

Noch immer hallt dieser Satz in mir.

Vielleicht, weil ich heute
verstehe,
was ich damals nicht sah:

Die schönsten Momente des Lebens
sind oft schon kostbar,
bevor uns das bewusst war.

@petrakreme hat einen intensiven, persönlichen Text verfasst, der die Blickrichtung umdreht. Ein persönliches Bekenntnis, das zu kommentieren anmaßend wäre.

I love my life. I want to live.

Es traf mich wie ein Schlag.

Er wollte nicht leben...

Und weil er Verantwortung für die Versorgung seiner kleinen Familie hatte,

dachte er, es wäre besser, es würde sie auch nicht geben...

Wohin, woraus?

Ich bekam vom Kinderbett aus das Drama mit, jede Nacht...

Hat er sich beinahe umgebracht

und auch mein Leben in Frage gestellt...

Voll Ängstlichkeit schaute ich in die schöne Welt...

Als ich ihn schließlich in seinem Blutbad fand

traf es mich wie ein Schlag...

Und fortan wusste ich und fühlte es verzweifelt tief:

I love my life. I want to live...

@kerstin.schreibt.2020 zeigt, wie wenige Zeilen ein Leben verändern können. Wie ein Schlag, der mitten in die Gewissheit fährt.

I love my life. I want to live.

Es traf mich wie ein Schlag.

Als ich die Haustür aufschloss, fühlte ich sofort, dass etwas nicht stimmte.

Im Haus war es still. Es war nicht diese angenehme Stille eines ruhigen Abends, sondern die Art von Stille, die einen Raum größer und fremder wirken lässt.

Auf dem Küchentisch lag ein Brief.

Nur mein Name stand darauf. Sonst nichts.

Mein Herz schlug kräftiger.

Mit einem seltsamen Gefühl in der Magengegend zog ich den Stuhl zurück und setzte mich.

Das Papier war vergilbt, als hätte es jahrelang irgendwo gelegen und auf diesen einen Moment gewartet.

Meine Hände wurden kalt, als ich die ersten Zeilen las.

„Wenn du diesen Brief liest, bin ich längst nicht mehr da.“

Ich hielt inne.

Die Handschrift kannte ich, es war die meiner Mutter.

Mein Herz begann schneller zu schlagen.

Ich las weiter.

Zeile für Zeile.

Wort für Wort.

Von draußen nahm ich nichts mehr wahr, ich nahm überhaupt nichts mehr um mich herum wahr.

In dem Brief erzählte sie von einer Entscheidung, die sie ihr Leben lang verfolgt hatte.

Von einem Geheimnis, das niemals ans Licht kommen sollte.

Dann kam dieser einzige Satz.

Ganz kurz und unscheinbar und doch traf er mich wie ein Schlag.

„Der Mann, den du dein Leben lang Vater genannt hast, ist nicht dein Vater.“

Die Welt verschwamm.

Ich starrte auf die Worte, als würden sie sich verändern, wenn ich nur lange genug hinsah.

Doch sie blieben.

Blaue Tinte auf vergilbtem Papier.

Sie muss die Zeilen schon vor Jahren geschrieben haben.

Plötzlich ergaben Erinnerungen keinen Sinn mehr.

Fragen tauchten auf, von denen ich nicht einmal gewusst hatte, dass sie existierten.

Am Ende des Briefes stand eine Adresse.

Und darunter nur drei Worte:

„Er wartet noch.“

Lange saß ich regungslos am Tisch.

Dann griff ich nach meinen Schlüsseln,

denn zum ersten Mal in meinem Leben wusste ich nicht mehr, wer ich war.

@gabra4711 wurde ebenfalls durch wenige Zeilen erschüttert. Auch, wenn sich die Dinge dann wieder fügen, hat sich der Blick auf das Leben für immer verändert.

„I love my life, I want to live.“

Es traf mich wie ein Schlag.

Diese Nachricht am nächsten Tag.

Ich musste schlucken,

aber hielt dem Blick stand.

Sah in die Augen

hinter’m Brillenrand.

„Es kann sein, sah danach aus …

ein paar Tage müssen wir warten …“

Nein!

Es kann gar nicht sein!

Neben der Angst

dieses Empfinden viel stärker:

Ich mag mein Leben!

Eben

grad besonders sehr.

Eben darum auch!

Diese Worte …

Aufwachen!

Aufmachen!

Die Augen?

Oder mich auf den Weg?

Beides vielleicht,

damit es reicht,

zu erkennen:

Wir bleiben hier nicht unendlich –

unter’m Strich:

weniger Jahre vor mir

als schon gelebt.

So war ich bestrebt,

auf mein Gefühl zu vertrauen,

auf mein Seelenwissen zu bauen.

Und ich sah dieses Bild,

das ich gemalt.

Gar noch nicht alt:

Lebenslust!

Wie ein Anker ließ es mich

die Balance halten auf hoher See.

Zuversicht zeigte sich innerlich –

nicht wie ein scheues Reh,

sondern wie ein bunter Vogel.

Zusätzlich sandten

mir Herzmenschen

gute Gedanken

voll Hoffnung und Kraft,

so wie es Liebe nur schafft.

Und Glückskind, das ich bin,

war nach der Wartezeit

das Ergebnis auf meiner Seite

und brachte meinem Herzen

noch mehr Weite!

Und Dankbarkeit!

Life will love you back.

@zeit_fuer_worte macht den Verlust spürbar. Trauer kennt keine Zeit. Sie bleibt, auch, wenn sie sich verändert.

BILDER VON DIR

Nicht dieses Lied!
Die Tränen liefen mir
wie warmer Sommerregen
über meine Wangen.
Da war es wieder,
dieses unfehlbare Band
und hielt mich länger als
für einen kurzen Wimpernschlag
in der Erinnerung gefangen.
Seelenverwandt.

Oh ja, das waren wir.
Zwei Herzensmenschen,
die sich sicher nicht allein
durch einen Zufall trafen.
Du warst der zweite Flügel,
der mich fliegen ließ
hoch zu den Wolken,
dorthin, wo die
abenteuerlichsten
Träume unseres Lebens schlafen
und wo der leise Wind
der Sehnsucht heftig blies.

Du warst mein Wingman,
und der beste Steuermann,
der mich durch trübe Zeiten lenkte.
Und mir mit einem Lächeln
selbst im schlimmsten Tief
mit unbändiger Kraft
die nötige Seelenruhe schenkte
und jeden bösen Geist verbannte,
den manch schmerzvolle
Erfahrung rief.

Egal, was war,
auf Dich, da konnte ich mich
jederzeit verlassen.
Du gingst stets den geraden Weg.
Nie habe ich daran gedacht,
dass diese Tage irgendwann
einmal verblassen.

So wie die Bilder der Vergangenheit,
auf Polaroid gebannte
glückliche Momente,
die irgendwann nur helle
Farbpigmente hinterlassen.

Du warst für mich
ein ganz besonderes Privileg.

Wir waren uns nie lange böse,
kannten keinen echten Streit
und akzeptierten uns so,
wie wir eben waren.
Voller Respekt und Achtung,
das war völlig klar.

Was Freundschaft ist,
wie man sie täglich lebt,
das durften wir
sehr intensiv erfahren
und lernten viel dazu
in Deinem letzten Jahr.

Dann kam der Tag.
Du bist aus diesem
Miteinander
hüllenlos
verschwunden.

Das Leben ist nicht immer fair.

Und dennoch
fühle ich, wir sind
durch Zeit und Raum
von Herz zu Herz
in alle Ewigkeit
ganz eng verbunden.

Doch hör' ich dieses Lied,
fällt mir die Trennung
von Dir so
unendlich schwer.

Gina von Bargen 2026

@ela_herzundwort_autorin nimmt die Impulszeilen ebenfalls auf wie ein persönliches Credo. Ein erschütternder Text über einen erschütternden Weg. Ich bin an deiner Seite, Ela!

„I love my life, I want to live.“

Es traf mich wie ein Schlag.

„Haben Sie verstanden, was ich Ihnen gesagt habe?“

Ich nicke.

Zwei Blätter. Auf dem einen das CT-Bild. Auf dem zweiten, ordentlich getippt, der Befund.

Der nette junge Arzt hat mir ausführlich erklärt, was darauf zu sehen ist. Ich sehe ihn an. Er lächelt. Ernsthaft?

„Ich habe mit Herrn Professor für nächsten Dienstag einen Termin vereinbart. Passt Ihnen 10:00 Uhr?“

„Ja.“

Zurück zu Hause schiebe ich die beiden Blätter in eine Klarsichthülle, hefte sie in meinen Ordner und stelle ihn zurück ins Regal. Deckel zu. Nüchtern.

Ich bin so. Ich hefte Dinge ab.

Einen Moment sehe ich den Ordner einfach nur an.

Dann fahre ich meinen Laptop hoch. E-Mails checken. Anfragen für Podcasts und Interviews beantworten. Ich will noch auf ein paar Kommentare bei Social Media reagieren und scrolle durch die Stories auf Instagram.

Plötzlich ploppt es auf: Teddy Swims tritt nächstes Jahr wieder in Düsseldorf auf. Beim letzten Mal war ich verhindert und habe mich ziemlich geärgert. Diesmal fackele ich nicht lange.

Saalplan. Mittlerer Block, Reihe vier, die ersten zwei Plätze. Bestätigen. Bezahlen.

Bis dahin sind es noch 328 Tage, fast ein ganzes Jahr.

Die Mail mit den Tickets kommt sofort. Ich drucke sie aus und hefte sie ab, direkt hinter Paul Panzer im November.

Ich kaufe generell immer zwei Tickets und überlege schon, wem ich das zweite zu Weihnachten schenken kann.

Ich scrolle weiter auf Instagram.

Seit ich dieses blöde medizinische Thema gegoogelt habe, meint der Algorithmus anscheinend, mich besser zu kennen als ich mich selbst.

Offenbar meint er es gut mit mir:

Werbung für Sterbegeldversicherungen.

Sichern Sie Ihre Familie ab.

Sogar ein Bestattungsunternehmen wird mir in den Feed gespült.

Krass gruselig.

Eine kalte Maschinerie aus Zahlen, die mich schon wegsortiert, während ich gerade Reihe vier gebucht habe.

Kann man sowas nicht verbieten?

Der Schlag soll euch alle treffen.

Mir fällt ein, ich muss noch einkaufen gehen.

Ich klappe das MacBook zu.

Sollen sie ruhig rechnen.

Unbewusst balle ich die Hand zur Faust.

Never give up. Bei mir beißt ihr auf Granit!

Knack.

Da ist diese eine Treppenstufe, die zweite von unten.

Seit Monaten nervt sie mich.

Manchmal bin ich beim Rauf- oder Runtergehen schon extra drübergestiegen, nur um dieses nervige Geräusch nicht hören zu müssen.

Heute bleibe ich genau darauf stehen.

Ich verlagere mein Gewicht und trete bewusst drauf.

Knack.

Knack.

In meinen Gedanken lösche ich die Notiz, dass ich den Schreiner anrufen muss.

Diese Stufe bleibt.

Im Supermarkt packe ich eine Packung Spaghetti Miracoli in den Einkaufswagen.

Pure unbeschwerte Kindheitserinnerung.

Wer kennt sie nicht, die Werbung von früher?

Die Mama steht in der Küche, die Kinder spielen draußen und sie ruft aus dem Fenster:

„Miracoliiii!“

und alle Kinder strömen schmutzig und lachend zur Tür herein.

So war meine Kindheit.

Ich mag das Zeug, auch wenn sie irgendwann die Rezeptur geändert haben.

Manches ändert sich eben.

Ob zum Besseren, darüber kann man streiten.

Ich weiß nicht, wann ich sie essen werde.

Manchmal packt mich mitten am Tag dieser Heißhungerhype, und dann will ich nicht erst losfahren müssen.

Ich will sie einfach auf Vorrat.

Ich gucke aufs Verfallsdatum.

Noch zwei Jahre haltbar.

Passt.

Wieder zu Hause verräume ich die Einkäufe in der Küche.

Die noch unreifen Bananen lege ich in meine ibizenkische Keramikschale.

Ich mag keine reifen Bananen, die sind mir am nächsten Tag schon zu drüber.

Die noch grünlichen brauchen zwar länger, aber dafür erwische ich sie wenigstens genau dann, wenn sie für mich perfekt sind.

Auf dem Küchentisch liegt die Tageszeitung, heute mit dem Müllkalender für das kommende Jahr.

Ich mache das Radio an und greife nach dem rosa Glitzer-Einhornstift, den Helli hier liegen gelassen hat.

Während ich die Mülltermine durchmarkiere, läuft im Hintergrund Robbie Williams mit „Love My Life“ im Radio.

Ich summe mit und drehe beim Refrain das Radio lauter:

„...I am powerful, I am beautiful, I am free...“

Dienstag schwarze Tonne.

Donnerstag gelbe Tonne.

Die Woche darauf Dienstag Biomüll.

Verlässlich.

Yeah, yeah, yeah.

Ich lasse das Radio laufen, nehme mir einen frisch gebrühten Milchkaffee und gehe wieder zurück an meinen Schreibtisch.

Ich sortiere mein kleines Chaos.

Notizen für ein nächstes Gedicht, Ideen für eine Lesung.

Darunter die Unterlagen für die kommende Steuererklärung.

Generell bin ich jemand, der alles sofort erledigt.

Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.

Einer der Lieblingssprüche meiner Mim-Oma.

Steuererklärungen schiebe ich bis zum Letzten auf.

Immer.

Abgabetermin Oktober.

Wir haben jetzt Juni.

Ich habe noch Zeit.

Das Sonnenlicht fällt schräg durchs Fenster.

Auf dem Fensterbrett beobachte ich eine kleine Ameise.

Sie läuft hin und her, als suche sie irgendwas.

Immer wieder stößt sie gegen den Rahmen, dreht um und versucht es an einer anderen Stelle neu.

Ich überlege kurz, ob ich ihr ein paar Brotkrümel hinlegen soll.

Ferro, my best Buddy, der wie stets zu meinen Füßen liegt, steht auf.

Er macht diese typische tiefe Dehnung, wie immer, wenn er wach wird, wedelt ganz leicht mit dem Schwanz und legt ganz selbstverständlich seinen schweren, warmen Kopf in meinen Schoß.

Ich streichle über seinen Kopf und weiß schon, was als Nächstes kommt.

Es dauert keine zwei Minuten und sein Agility-Ball liegt zu meinen Füßen.

Werfen.

Fangen.

Zurückbringen.

Apport.

Werfen.

Fangen.

Zurückbringen.

Apport.

Ich freue mich mit ihm.

Irgendwann sitze ich wieder am Schreibtisch, kraule Ferro durchs Fell, beobachte den Staub, der im Licht tanzt, und sehe nach der Ameise.

Sie läuft immer noch.

Gabriele Ela Schellinger

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